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REGENSCHAUER IM JULI – Mưa bóng mây tháng bẩy

20/02/2013

REGENSCHAUER IM JULI

© Mathilde Tuyết Trần, France 2005

Der Monat Juli hat eine besondere poetische Bedeutung. Im Juli regnet es viel in Vietnam. Starke, kurze, feine, langanhaltende Regen. Es ist trotzdem sehr heiß und sonnig. Nach dem Regen erscheinen oft bunte Regenbögen glitzernd am Himmel. Nach dem Märchen „ Ngưu Lang und Chức Nữ“ glaubt man, daß die vom Himmel getrennten Lebenden sich auf dem Regenbogen wiedertreffen. Die Regen im Juli sind ihre Tränen. Der Regenbogen ist die Brücke des Wiedersehens.

Mit einer spontanen und heftigen Bewegung hält sich Liên mit beiden Händen an dem Gepäckträger des Motorrads fest und versucht, es gegen die Kraft ihres Mannes zurückzuziehen:

– Wohin gehst Du ? Zu diesem Flittchen ?

Ihre zitternde Stimme verklingt schnell in dieser engen Gasse am frühen Morgen.

Plötzlich fühlt sie sich schwindlig. Für einige Minute wird ihr schwarz vor Augen. Aus ihrer Nase schießt ein Strahl Blut. Der Unverschämte ! Er schlägt wieder brutal zu. Liên läßt das Motorrad los. Nun gut, laß ihn gehen.

Hùng verliert nach wie vor kein Wort, schaut auch nicht zurück zu seiner Frau, schiebt schnell sein rotes Motorrad aus der langen Gasse. Dieses freche Weib ! Sie muß wirklich immer mit Schlägen zurecht gewiesen werden.

******

Halb fünf morgens.

An dem unendlichen blauschwarzen Himmel strahlt der große, volle Mond vom Juli. Auf der Erde geben die wenigen Laternen, die eingeschaltet sind und noch eine heile Glühbirne haben, ein schwaches gelbes Licht.

Entlang der Straße, vom Anfang bis zur nächsten Kreuzung, beziehen bereits die ambulanten Suppenverkäufer mit ihren Suppenwagen oder Tragerjochen ihre Plätze. Aus ihren riesigen Suppentöpfen steigen köstliche Düfte in die Luft.

Auch eine Schar von Hühnern ist anwesend. Sie laufen hastig auf dem Bürgersteig herum. Die Hühner schütteln ihre dünnen Beine aus und suchen nach Futter.

Onkel Ba, der Besitzer der Hühner, schleppt einen Eimer voll Wasser und fängt an, den Boden seines Hauses zu putzen. Er läßt die Hühner nur morgens früh frei laufen, wenn die Straße noch menschenleer ist.

Tagsüber ist diese Straße eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, am Tag oder am Abend würden die Hühner schnell gestohlen oder von den unzähligen Motorrädern überfahren werden.

Die Nachbarn lachen ihn aus, weil er mitten in einer schönen Hauptstraße der Stadt, benannt nach einem literaturliebenden Kaiser, Lê Thánh Tôn, Hühner züchtet. Aber die Hühner sind seine einzige Geldquelle, nachdem alle seine Kinder geflüchtet sind. Auf deren Hilfe aus Übersee kann er noch lange warten.

Er verkauft täglich die frischen Eier, und ab und zu wird nach einem fetten, schönen Huhn gefragt. Ein Huhn kostet heute ein Viertel eines Monatslohns. Ein Omelett aus vier Eiern und ein Teller voll von sautierten Wasserwinden machen schon eine komplette Mahlzeit für eine Familie mit mindestens vier Personen aus. Die Nachbarn fragen nach, weshalb man beispielsweise heute ein Huhn schlachtet. Es muß ein besonderer Grund vorliegen, wenn man sich ein Huhn leisten kann.

An der Nähe des großen Tamarindenbaumes machen die zwei alten Geschwister Năm und Bẩy aus dem benachbarten Haus ihre allmorgendlichen Tai-Chi-Übungen. Ihre gleichmäßigen und eintönigen Atemzüge klingen wie Zischlaute zweier großer Schlangen.

Der Lärm des roten Motorrads verhallt in der Ferne.

Liên wischt das Nasenblut mit ihrem rechten Arm ab. Zum Glück hat er ihr keinen Zahn ausgeschlagen.

Ihre Mutter sitzt still hinter dem Moskitonetz auf ihrem Bett, guckt sie an, als sie zur Küche vorbei geht. Die streiten miteinander und schlagen sich täglich, sagt sie vor sich hin.

******

Liên sucht etwas Watte, teilt es in zwei Stücke, und stopft sie in ihre Nase. Sie zieht die Bluse aus, nimmt eine halbe Schüssel kaltes Wasser und eine Handvoll Asche und wäscht die Bluse.

Als sie die frisch gewaschene Bluse auf einen Eisendraht hängt, der quer durch die Waschecke in der Küche gespannt ist, bekommt ihr nackter Oberkörper eine Gänsehaut. Sie eilt zu ihrem Bett, nimmt irgendeine Bluse von der Moskitonetzstange und zieht sich an.

Die Kinder, die ineinander umschlingen, schlafen ganz fest. Gestern nacht, nachdem Thảo beim Nachbarn eine ganze Theatersendung in Fernsehen gesehen hatte, hatte sie Liên gebeten, heute bis sieben Uhr morgens schlafen zu dürfen. Sie hat noch Schulferien.

Die Hähne in dem Viertel scheinen schon wach geworden zu sein. Sie alle krähen wetteifrig einer nach dem anderen. Zusammen mit den Hahnenschreien werden die undefinierbaren Geräusche der Stadt nach und nach lauter.

Als Liên den Lärm des Straßenkehrens von Frau Hai Lùn auf der anderen Straßenseite hört – sie fegt immer in langen, starken und rhythmischen Bewegungen – beeilt sie sich, ihren Strohbesen zu holen; hält ihn fest unter dem Arm; zieht die Wattestücke aus der Nase heraus und geht zur Straße.

Ihr Besen ist schon so stark abgenutzt ! Mit diesem stumpfgewordenen Besen kann man die Tamarindenblätter nicht aus den Steinritzen hochfegen. Sie muß bald einen neuen kaufen.

Liên hat gerade die Hälfte des Bürgersteigs gefegt, da kommen Tante Dung und ihr Sohn an. Ohne mit dem Kehren aufzuhören, lächelt Liên Tante Dung verlegen an.

–         Er hat Dich wieder geschlagen ! Du Arme ! Siehst Du, in dieser Zeit, schaden die Frauen nur sich selbst. Jedes dumme Weib ist immer bereit, die Hose auszuziehen. Deshalb haben die Männer die Hosen an !

Liên hält Tante Dung, spricht leise:

–         Ich bitte Dich, die Nachbarn…

Tante Dung schneidet Liên das Wort ab:

– Es ist doch besser, daß alle Leute darüber Bescheid wissen. Was ist das für ein Lehrer, der seine Frau schlägt, als ob sie sein Feind wäre ?!

Liên denkt, er liebt sie nicht, sie ihn auch nicht. Sie mußte sich dem Willen ihrer Eltern beugen, diesen Lehrer zu heiraten, damit ihre Familie nicht in andere Orten abgeschoben würde. Er hat sie auch geheiratet, damit er in dieser Stadt stationiert wird, und nicht zuletzt, weil er glaubte, daß Liên eine gute Mitgift bringen würde.

Es war ein echtes Tauschgeschäft.

******

Der Tag wird langsam heller. Die Luft duftet frisch nach jungen Blättern. Der Straßenstaub liegt noch ruhig unten und wird noch nicht von Passanten, Fahrrädern und Motorrädern hochgewirbelt.

An der Kreuzung ist alles schon vollständig beisammen: Zwei, drei Verkäuferinnen mit Reiskuchen à la mode von Zentralvietnam, der Brotstand neben dem elektrischen Mast, ein Trägerjoch mit Krabbensuppen, die Verkäuferinnen von frisch gedämpften Reisraviolis haben ihre Hocker schon rund um ihren Wagen herum gestellt, und der Verkäufer von süßen Suppen, die Arme in die Hüften gestemmt, schaut seinem kleinen Sohn zu, der versucht, am Rande des Bürgersteiges die Hälfte eines Eisbarrens in seinen Wagen hineinzuziehen.

Sie versammeln sich da und können ihre Geschäfte bis ungefähr neun oder zehn Uhr betreiben, dann müssen sie plötzlich wie die Bienen in alle Richtungen ausschwärmen. Es folgt der tägliche Kontrollgang der Polizisten. Nach etwa zehn Minuten kehren sie zurück zu ihren gewöhnlichen Plätzen. Mindestens zweimal am Tag müssen sie solche Fluchtshows darbieten.

Liên und Tante Dung haben ihre Verkauftsstände fertiggestellt. Einige Kinderanzüge, einige Herrenhemden und etwa ein Dutzend Sonnenhüte aus Baumwolle oder Nylon für Männer und Frauen.

Jeder Stand ist genau einen Quadratmeter groß und steht einen halben Meter weit entfernt vom nächsten. Die Leute auf dieser Straßenseite verkaufen fast die gleichen Waren. Aber sie konkurrieren nicht miteinander. Selten gab es einen Streit, weil der eine etwas billiger als der andere verkauft hat. In dieser Zeit muß man sich gegenseitig helfen, um zu überleben. Besonders, wenn die Kontrolleuren wieder plötzlich am Anfang der Straße erscheinen. Keiner kann die böse Absicht haben, den Reistopf der anderen kaputt zu machen. Es wäre zu brutal.

Jeder Straßenverkäufer ist ein genialer Finanzjongleur. Wie sie ihre Steuern und ihre Lieferanten bezahlen, ihre Familie täglich ernähren, ist wohl ihr eigenes Problem. Das Leben wird nie leichter, nur immer schwerer. Alles ist auch teurer geworden. Der Mensch ist primär egoistisch, weil die Seele stirbt, wenn der Körper Hunger leidet. Also, entgegen allen philosophischen Gedanken der Gesättigten, es gilt hier, zuerst Haben und dann Sein.

Außerdem: Was kann man hier denn als Attraktionen oder Unterhaltungen haben ? Kino ? Theater ? Fernsehen ? Stadtbummeln ? Einkaufen ? Langweilig ! Also, konzentriert sich das Leben auf den Gaumenkitzel.

Je älter sie wird, desto stärker träumt Frau Hai Lùn vom Essen. Sie möchte alles leckere in ihrem Mund haben: Den auf Holzkohlen gegrillten Krevettenspieß, Rindfleisch nach sieben Arten, Krabbensuppen, Frühlingsrollen, karamelisierte Garnelen, gegrillte Karpfen undsoweiter.

Sie ißt und sie erlaubt ihrem Mann, auch auswärts zu essen. Deshalb saß Herr Hai Lùn eine Zeitlang täglich in einem Restaurant, trank importiertes Bier und aß seine Lieblingsspeisen. Bis Frau Hai Lùn Wind bekam, daß ihr Mann eine „ Adoptivtochter „ hatte.

Damit meint man, daß eine blutjunge, zwanzigjährige Bedienerin ihren siebzigjährigen Mann tatsächlich mit anderen Dienstleistungen bedient hatte. Dafür bezahlte Herr Hai Lùn ihre Miete und alles extra.

Man hat doch Recht: Nach dem Krieg haben es die Männer noch leichter. Es gab einfach zu viele Frauen.

******

Frau Phú macht das Feuer an, kocht Wasser und wärmt für das Frühstück den Rest vom Reis auf. Der Duft von Knoblauch, Fischsauce und Kohlenrauch weckt das kleine Mädchen Thảo auf.

Sie legt vorsichtig den schmalen Arm ihrer süßen Schwester Ti zur Seite.

Oh ! Sie ist heiß wie glühende Kohle.

Thảo tastet die Stirn ihrer Schwester ab. Die ist genau so heiß. Sie springt sofort aus dem Bett, ganz wach geworden.

–         Oma, Ti hat hohes Fieber !

–         Ruf doch Deine Mutter, ich bin hier in der Küche beschäftigt !

Thảo zieht ganz schnell ihre Plastiksandalen an und läuft zur Straße. Sie hat Angst beschimpft zu werden, weil die Straße schon voll von Leuten ist, es muß wohl viel später sein als sieben Uhr ! Noch dazu ist die kleine Ti krank !

Thảo muß am Stand bleiben. Liên eilt zu Ti, und kommt schnell wieder zurück.

–         Oh Himmel. Sie hat sehr hohes Fieber. Ich habe Angst. Oma und Thảo müssen jetzt weiter verkaufen. Tante Dung, bitte mithelfen !

Liên weckt ihre kleine Tochter Ti. Sie macht nur die Augen auf, um ein paar Teelöffel Wasser zu trinken, dann macht sie die Augen wieder zu.

Liên hofft, daß sie nicht an etwas Schlimmerem erkrankt ist.

Liên packt Ti in ein großes Badetuch, steigt schnell in eine Rikscha.

Der Rikschafahrer wickelt vorsorglich einen Regenschutz um den Sitz herum.

Frau Phú läuft hinkend mit einem feuchten Waschlappen hinterher und sagt zu ihrer Tochter:

–         Hier, leg ihn auf ihre Stirn. Paß auf, daß sie keinen Durchzug bekommt.

Ti muß tatsächlich im Krankenhaus bleiben. Sie hat Typhus.

Kaum zurück, gibt Liên ihre Tochter Thảo sofort einen Schlag auf den Kopf:

–         Wer hat Dir erlaubt, gestern mit der Ti unterm Regen zu baden ? Es gab Erddämpfe, und es war doch warmer regen, man muß soviel schwitzen dabei, und du wagt es, baden zu gehen !

Thảo traut sich nicht, ein einziges Wort zu sagen. Sie sagt auch nicht, daß sie Hunger hat und ihr der Magen knurrt.

–         Bleib hier. Paß auf die Waren auf. Ich muß noch Infusionen und Medikamente für Ti kaufen und dann wieder ins Krankenhaus !

Tante Dung schaut Liên nach. Die arme Frau ! Sie muß schon viel Geld für ihr krankes Kind ausgeben.

******

Spät nachmittags kommt Liên wieder nach Hause zurück. Ihr durchgeschwitzte Bluse klebt fest auf ihrem Rücken und ihren Brüsten.

Es gibt wieder keinen Strom, der Ventilator funktioniert nicht. Liên nimmt einen Papierfächer und fächelt sich Luft zu.

Frau Phú sagt:

–         Seit heute morgen konnte ich nicht zum Markt gehen. Wir haben nichts zu essen. Es gibt nur noch eine Schale Reis von gestern für Dich.

–         Es geht auch so. Hat Thảo auch schon gegessen ? Mutter, ruh Dich aus, wenn die Sonne milder wird, dann kannst Du noch einkaufen gehen.

Liên ißt ganz schnell, trinkt genauso hastig ein Glas Wasser, läuft zurück zum Stand. Tante Dung gibt ihr einen Geldbündel:

–         Deine Mutter hat mir soviel übergeben. Es ist Dein Umsatz von heute morgen.

–         Danke Dir. Was für ein Pech ich heute habe !

Sie hat ganz und gar vergessen, daß sie noch Schmerzen an der Nase hat.

Sie zählt ihr Geld nach. Die Zwanziger, Dreißiger, Fünfziger…machen weniger Mühe abzuzählen als die Fünfer, Zehner, stark verschmutzte Scheine. Bis jetzt hat Liên noch nicht einmal das Tagesessensgeld für ihre Familie verdient.

Ein paar Tropfen schweres Regenwasser ! Die Sonne scheint noch da oben. Hier und dort tauchen schwarzen Wolken auf. Solche Regen dauern nicht lange.

Der Stand von Liên liegt genau unten dem erfrischenden Schatten eines sehr großen Tamarindenbaumes. Nach einem Windstoß, liegt eine ganze Menge von Tamarindenblättern über den Stand verstreut. Kaum gesagt, hört der Regen schon auf. Liên räumt die Plastikdecke weg, fegt mit einem Stauwedel über die Ware, schiebt einige Sache an ihren Platz. Plötzlich stutzt sie:

–         Oh ! Hier fehlt ein Anzug !

Tante Dung, etwas verlegen, entschuldigt sich:

– Es gab einen Moment, in dem ich zuviel Kunden an meinem Stand gehabt habe. Deine Mutter und Tochter waren da. Die Diebe sind immer sehr schnell. In einer Minute kann man schon was verloren haben. Schau doch nach.

Liên schüttelt den Kopf:

–         Nein, ich gehe ins Haus.

Frau Phú liegt, halb im Schlafen, sich wiegend auf der Hängematte. Ihre schwarze Baumwollhose ist bis zum Knie hochgerollt. Ein Fuß stützt sich auf den Boden. Seit einiger Zeit kann sie nicht so gut einschlafen. Die harte Stimme von Liên hat sie erschrocken. Sie macht die Augen auf.

–         Mutter, hast Du den Anzug stehlen lassen oder hast Du ihn verkauft und das Geld dafür genommen ?

Frau Phú versucht, auf der Hängematte gerade zu sitzen:

–         Willst Du sagen, daß ich Dein Geld gestohlen habe ?

–         Das frage ich Dich. Wenn Du und Thảo aufpassen, dann verlieren wir oft was. Abgesehen vom Gewinn, haben wir dabei auch noch das Kapital verloren.

Frau Phú spricht genau so laut wie ihre Tochter:

–         Du bist wohl sehr liebevoll zu Deiner Mutter. Du beleidigst mich immer wieder wegen solcher Sachen. Wozu sollte ich Dein Geld stehlen ! Du, freche…

Liên wird ironisch:

–         Ich kenne Dich Mutter. Wenn Du Geld brauchst, für Medikamenten etwa, dann gebe ich es Dir. Du sollst mich nicht ärgern. Ich habe doch Dein ganzes Kapital zurückgegeben. Ich schulde Dir nichts mehr.

Frau Phú läßt sich in die Hängematte fallen, sagt zu sich selbst:

–         Ich habe Dich doch geboren, groß gezogen ! Und heute schimpft Du auf mich ! Wenn Dein Vater noch leben würde, Du wagtest es wohl nicht, frech zu mir zu sein. Immer sind es die Kinder, die jeden Tag zählen, den sie für die Eltern sorgen müssen. Die Eltern doch nicht ! Du hast selber Kinder, weißt aber nicht, Deine eigene Mutter zu lieben…

Liên ist längst weg.

Es gibt keinen einzigen Windstoß. Heiß !

******

Tâm sitzt breitbeinig hinter Hùng auf dem Motorrad, drückt sich ganz fest an den Rücken von Hùng, reibt ihre Brüste an seinem Rücken und  ihren Kopf an seinen Schultern, ist ein bißchen von der Sonne beschwipst:

–         Liebling, doch nicht so schnell fahren !

Hùng lacht laut, sein Mund bleibt weit offen:

–         Schnell fahren, damit es frisch ist.

– Du hast aber sehr viel Bier getrunken. Bist ganz rot.

–         Ich habe nur drei Flaschen getrunken. Wenn wir in Long Thành ankommen, machen wir eine Pause.

Die alten Berge am Strand von Vũng Tầu , Cap-Saint-Jacques, sind hinter der Geliebten zurück geblieben. Cap war heute fast menschenleer, ruhig und still in der Sonne und im frischen Wind. Die Reihe der Restaurants mit den Namen aus ihrer Blütezeit wie „ Ánh Hồng“, „ Sàigòn“ steht jetzt da als Ruine. Verlassen, staubig, moosbewachsen.

Somit sind sie Zeugen der Zeit, aber kein Schmuck für einen attraktiven touristischen Ort der neuen Ära. Nur Leute, die sie in ihrer schönen Vergangenheit gekannt haben, können sich wehmütig an die lebhaften Bilder erinnern.

Was neu ist, ist das Vergnügungszentrum mit dem klingenden Namen „ Koreanischer Strand „ an der Kreuzung zwischen dem Hinterstrand (Bãi Sau) und dem Markt. Die Preise von „ Koreanischer Strand „ sind nicht weniger gesalzen als die damaligen Preise. Aber wer Geld hat, der kann immer essen.

Die armen Leute in ihrer staubigen und abgenutzten Kleidung, bieten den Strandurlaubern frische Longan, gekochte Krabben, süße Tofusuppe, eingelegten Fisch, Enteneier, Krevettenchips, grüne und rote kalte Gelees mit Kokossaft an. Sie gehen inmitten von vielen Bettlern ununterbrochen kreuz und quer am Strand entlang.

Die Fischerboote liegen zu Dutzenden am Strand vor dem ehemaligen Restaurant „ Ánh Hồng „ , sie dürfen – ausgerechnet auf diesem feinen, weißen Sand – vor Anker gehen, haben ihr schmutziges Öl ins Meerwasser geschüttet. Daneben sollte man baden ?

Tâm was sehr stolz, ihren hellen, gutgebauten Körper in einem echten teuren importierten Badeanzug zu zeigen. Eine Schöne wie sie würde niemals einen gemieteten unmodischen Badeanzug anziehen. Hùng hat diesen Badeanzug für die Geliebte aus dem Warenbestand seiner Frau gestohlen.

Als Tâm und Hùng auf dem Weg um die Berge herum vom Hinterstrand zum Vorderstrand fuhren, fing die Ebbe an. Der Weg vom Strand zu den Insel mit der Pagode wurde dadurch frei und trocken gelegt.

******

Die Straße zwischen Bà Rịa und Long Thành ist ziemlich gut. Nach Bà Rịa fahren alle Wagen noch schneller. In manchen Dörfern ist die Straße wegen der Häuserreihen an beiden Seiten enger. Die Leute sitzen einfach an den Straßenrändern und erzählen über sich und die Welt. Sie bringen sogar ihren frisch geernteten Reisbestand zur Straße hin, breiten ihn zum trocknen am Straßenrand entlang aus, wenn sie keine zementierten Höfe, sondern nur Erdhöfe haben. Die neuen Reiskörner werden dann mit schwarzen Autoabgasen parfümiert.

Die Kinder legen oft braun getrocknete Kokosschalen in die Mitte der Straße, damit sie von Autos flach überfahren und so zerkleinert werden. Manchmal müssen die Autos über alte Dachbleche fahren und machen dabei einen ohrenbetäubenden schrecklichen Lärm.

Einige Truppen von Bauern schleppen ihre Hacke, Sichel und Strohbesen lärmend über die Straße. Sie tragen Strohhüte und alte Handtücher auf der Schulter über ihren farbigen Lumpen, als ob sie Vogelscheuchen wären. Hier und dort baumeln Schilder für eine Garküche: « Gedämpfte Fleischbrötchen », « Heiße Suppe ».

Hùng dreht sich nach hinten um, fragt seine Geliebte:

–         Hast du Hunger, Liebling ? Oder wir fahren durch, vorbei an der Steigung 47 bis zur Kreuzung Vũng Tầu, und wir werden da essen. Es ist noch so früh, erst sechs Uhr.

Tâm lächelt Hùng liebevoll an. Sie macht mit einem Arm eine runde Bewegung in der Luft:

–         Es gibt hier nur Kautschuk und Eukalyptus, sonst nichts zu essen !

Die jungen, zart duftenden Eukalyptuswälder mit ihren dünnen Bäumen und im Wind schwingenden kleinen grünen Blättern drehen sich plötzlich wie ein Windrad, brummen unendlich und sinken schließlich in einen schwarzen Tiefgrund.

Hùng konnte einem wackelnden Bus, voll beladen mit Menschen und Waren, der vor ihm fuhr und gerade mit einem entgegenkommenden alten Militärtransporter zusammenprallte, nicht rechtzeitig ausweichen. Er flog mit seinem roten Motorrad und Tâm mitten hinein.

Zum Glück. Der Tod war schnell gekommen und kurz.

******

Die Reihe von Pfahlhäusern auf dem Kanal Vân Đồn auf der anderen Seite des Saigon-Flußes schimmert im hellen Mondschein.

Liên und Tuấn sitzen schon lange still nebeneinander. Sie haben sich viel zu sagen, vor allem gibt es eine Frage, die keine Antwort hat.

–         Wann gehst Du weg ?

–         Morgen

–         Bist du gesund ?

Tuấn blinzelt:

–         Klar ! Stark wie ein Elefant.

Dann stellt er erneut die entscheidende Frage:

–         Und gehst Du mit mir ?

Liên schweigt. Dann sagt sie leise:

–         Kannst Du auf mich warten ? Die Ti ist noch im Krankenhaus !

–         Wie lange noch ? ! Ich muß gehen.

Tuấn hält Liên in seinen Armen fest und küßt sie. Ein sehr langer Kuß. Wie lange kann diese Liebeswärme Hoffnung geben ?

Liên weiß, sie wird bei ihren Kindern und ihrer Mutter bleiben.

Liebe ?! Was ist das ?!

© Mathilde Tuyết Trần, France 2005

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